Andrea Potzlers Vor-Allem-Bücher-Seite

„Vatermilch“ von Uli Oesterle

Rufus Himmelstoss ist der Typ, von dem einem jede Mutter abrät: Ein Schönling, der nichts im Kopf hat als andere Frauen, Alkohol, Kartenspiel und sein schickes Auto. Eigentlich ein erfolgreicher Vertreter von Markisen bringt er alles durch, was er verdient- und mehr. Frau und Sohn warten derweil daheim auf ihn. Bis seine Frau Himmelstoss rauswirft und er so jeden Halt verliert.

Uli Oesterle hat Rufus Himmelstoss nach seinem eigenen Vater erfunden. Wie Himmelstoss ist auch Oesterles Vater irgendwann untergetaucht. Da Uli Oesterle nun selbst Vater geworden ist, lag ihm an der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit- auch wenn nur Bruchstücke vom Leben des Vaters bekannt sind. So bot es sich an, die ihm bekannte Realität in dieser Graphic Novel mit fiktiven Elementen zu verweben.

Oesterle zeichnet meist in drei Farben: grau, schwarz und eine Farbe, um besondere Akzente zu setzen. Wo statt grau blau auftaucht, lässt er sein Alter Ego Victor sprechen. In den anderen Episoden sieht man Rufus Himmelstoss auf seinem Weg nach ganz unten. Die Optik ist so flott und klar, ich fühlte mich in die Siebzigerjahre versetzt, in denen ja auch die Kindheit Victors spielt.

Wie in dem von mir vor einiger Zeit besprochenen „Ein Freitod“ von Steffen Kverneland setzt sich hier ein Autor mit seinem Vater in einer Graphic Novel auseinander. Auch hier ist nichts beschönigt. Sogar die Einstellungen, die sich auf die eigenen Unzulänglichkeiten richten, sind scharf. Das macht beide Bücher so spannend und zugänglich. Es geht den Autoren ums Verstehen und nicht darum, sich zu rächen oder jemanden in einem schlechten Licht dastehen zu lassen.

So wird mir ein Stück Welt erklärt ohne selbst in allen Untiefen gewesen zu sein. Das ist ein Element, das große Literatur kann: Sie bietet einen ehrlichen, ungeschönten Blick aufs Leben. Da ist es egal, ob die Dinge nun wirklich so passiert sind oder nicht. Ich verstehe nach der Lektüre mehr davon, wie andere Leben verlaufen und was das Leben so bringen kann, welche Handlungsoptionen man vielleicht lieber links liegen lassen sollte.

Bei aller Nachdenklichkeit und trotz der schwierigen Umstände ist das Buch spannend und schreit nach mehrmaliger Lektüre. Zweimal bin ich nun schon durch und habe beide Male viel Neues entdeckt. Die Reihe ist auf vier Bände angelegt- ich bin gespannt, wies weitergeht! Vor allem bin ich neugierig, wie Victor sein Leben gestalten wird. Wird die Beziehung zu seinem Sohn einfacher? Wie geht es der Familie? Wie hat sich Victors Mutter durchgeschlagen?

Carlsen Verlag, 20 Euro

Diese Graphic Novel wurde mir kostenlos vom Carlsen Verlag zur Verfügung gestellt. Diese Tatsache hat keinerlei Einfluss auf meine hier geäußerte Meinung zum Buch.

2 Kommentare

  1. Uli

    Danke. Ich fühle mich verstanden.

    • Andrea

      Hallo Uli, über diesen netten Kommentar freu ich mich jetzt schon seit gestern immer wieder. Vielen, vielen Dank!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 potzblog

Theme von Anders NorénHoch ↑